Wie steuert man ein Züchtungsprogramm? Wie entscheidet man, was man macht – und was nicht? Wo investiert man weiter, wo reduziert man? Und welche Züchtungsinitiativen bei Lubera werden in den nächsten 2 bis 10 Jahren voraussichtlich am meisten für Furore sorgen?
1. Die Leitlinien der Lubera-Züchtung
Wir haben es schon häufig beschrieben und betont: Wir züchten vor allem für den Hausgarten. Dabei orientieren wir uns an den vier Haupttugenden unseres Marktes: besserer Geschmack, einfachere Kultur, höhere Resistenz – und, wenn möglich, auch Überraschung und Diversität.
Reine agronomische Kriterien wie Ertrag, Festigkeit, Pflückbarkeit oder Lagerfähigkeit sind für uns nicht das Wichtigste. Natürlich beachten wir sie bei einigen grossen Züchtungsprogrammen trotzdem, besonders dort, wo auch Sorten für den Erwerbsanbau entstehen können. Aber unser Zentrum ist und bleibt der Hausgarten.
Im Hinblick auf die Beeinflussbarkeit der Züchtungsausrichtung ist Pflanzenzüchtung vielleicht am besten mit einem Tanker zu vergleichen. Abrupte Kurswechsel lohnen sich kaum, weil in langfristige Programme schon über Jahre und Jahrzehnte investiert wurde. Sinnvoller ist die Unterscheidung zwischen Projekten und Programmen.
Projekte sind eher temporärer Natur. Man versucht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, prüft Sorten, macht vielleicht eine Serie von Kreuzungsgängen und entscheidet dann weiter. Programme dagegen sind breit angelegte Züchtungsinitiativen, die über Jahre und Jahrzehnte geführt werden.
Hier ist die Behäbigkeit einerseits ein Problem – wegen der hohen historischen Kosten und der bereits getätigten Investitionen. Andererseits ist sie auch ein Vorteil: In diesen Jahrzehnten sammeln sich Wissen, Erfahrung und Genetik an.
Kürzlich haben wir zum Beispiel erfahren, dass eine von uns vor 30 Jahren eingesetzte Apfelmuttersorte interessante zusätzliche Schorfresistenzen in sich trägt. Wir haben dann nachgeforscht, welche Spuren, Sorten und Zuchtnummern sich über 30 Jahre bei uns angesammelt haben, die ebenfalls auf diese Sorte zurückgehen. Und siehe da: Wir fanden auf diesem Weg ein halbes Dutzend Nummern und Sortenkandidaten, die diese zusätzlichen Resistenzgene in sich tragen …
Züchtung ist also nur mässig beeinflussbar – ausser bei den noch leichteren und neu startenden Projekten. Der Tanker Züchtung fährt hinter dem Lotsenboot her und versucht, in der Spur zu bleiben. Aber wie findet der Lotse den richtigen Kurs?
Drei Punkte sind für die Orientierung entscheidend:
- Die oben definierten Hausgartenziele: Resistenz, Fruchtqualität und Erlebnis, Einfachheit der Kultur, Diversität
- Das Marktpotential der entsprechenden Züchtungsprogramme – wobei man nicht nur grosse Dinge grösser machen sollte, sondern gerne auch kleinen Pflanzenarten überhaupt erst zu einer Rolle im Garten verhelfen kann
- Die Abschätzung des Züchtungspotentials, des möglichen Fortschritts: also dessen, was mit vernünftigem oder sogar kleinem Aufwand erreicht werden könnte
So ungefähr ergeben sich unsere aktuellen Schwerpunkte. Sie werden jährlich auf der Mikroebene leicht kalibriert. Alle 4 bis 5 Jahre werden dann neue Schwerpunkte bestimmt – häufig auch über das Eingehen neuer Partnerschaften.
2. Himbeeren und Brombeeren
Himbeeren und Brombeeren sind unsere Kernkompetenz. Ca. 50% der von Lubera Edibles verkauften Jung-Pflanzen stammen aus diesem Bereich und sind botanisch den Rubus zuzuordnen.
Leider hat die Forschungsstation East Malling in Kent, mit der wir vor 15 Jahren eine Partnerschaft eingegangen sind, ihre Himbeer- und Brombeerzüchtung eingestellt. Aber wir haben in diesen 15 Jahren so viel Erfahrung, genetische Breite und Tiefe gewonnen, dass wir hier durchaus selber vorangehen können. Zusätzlich arbeitet eine der Züchterinnen aus East Malling, Marzena Lipska, seit 15 Monaten in der Lubera-Züchtung.
Innerhalb der Himbeeren und Brombeeren lassen sich drei Hauptrichtungen herausarbeiten, die am stärksten in die Zukunft weisen.
2.1 Rubus-Hybriden
Als wohl einziges oder zumindest eines der ersten Programme im Westen sind wir wieder in die Hybridzüchtung eingestiegen. Gerade beginnen wir damit, die ersten Rubus-Hybriden, also Kreuzungen von Himbeeren und Brombeeren, zu evaluieren.
Das Leitbild: eine Himbeere mit den geschmacklichen Eigenschaften einer Himbeere, aber mit der Physik einer Brombeere. Der Kelch bleibt also in der Frucht und ist essbar. Und wir möchten die Hybridzüchtung auch nutzen, Überraschungen für uns und für die Hobbygärtnerinnen zu generieren, neue Pflanzentypen, die wir so nicht erwartet haben
Wir machen dies auch, weil wir überzeugt sind, dass wir bei Himbeeren und Brombeeren verhindern müssen, zum Opfer des eigenen Zuchtfortschritts zu werden. Das heisst: immer nur mit der gleichen Genetik zu arbeiten, die schliesslich nur noch kleine Fortschritte erlaubt – Fortschritte, die letztlich im Hausgarten niemanden mehr wirklich interessieren.
Der Gärtner möchte neue Pflanzen, die ihm klare Vorteile bieten. Und er möchte auch Differenz. Nicht nur das Gleiche noch einmal, einfach ein bisschen besser. Sondern ganz und gar neu und überraschend
2.2 Gamechanger-Brombeeren
Wir versuchen, den Züchtungsdurchbruch bei den Herbstbrombeeren weiter auszubauen: reife Früchte ab Anfang August an diesjährigen Ruten. Diese neue Pflanzenkategorie wollen wir auch international entwickeln. Neueste Forschungen zeigen, dass die Herbstbrombeeren eine andere Genetik haben als die Herbsthimbeeren. Dazu kommt, dass die Brombeeren im Gegensatz zu den Himbeeren tetraploid sind, also 4 Chromosomensätze aufweisen. Die Eigenschaft der Herbsttragefähigkeit ist rezessiv, und muss also doppelt auf allen 4 Chromosomen verankert sein. Folge: die möglichen Kreuzungen werden nur sehr wenig weitere Herbstsorten produzieren. Hier wird es also notwendig sein, Marker einzusetzen, über die wir gerade diese Auswahl (herbsttragend oder nicht) in grossen Populationen frühzeitig machen können.

Bild: Gamechanger-Herbstbrombeeren fruchten an den jährigen Ruten.
2.3 Zangenangriff auf die Wurzelfäule bei Himbeeren
Diese Züchtungsrichtung hin zu Phytophthora-resistenten Himbeersortimenten stellen wir in einem separaten Artikel dar. Hier kombinieren wir vier verschiedene Ansätze, um das Phytophthora rubi-Problem bei Himbeeren nachhaltig zu lösen. Dieser Zangenangriff, also die Anwendung von 4 verschiedenen Testmethoden soll sicherstellen, dass wir das Ziel möglichst schnell erreichen. Was aber ist Schnell in der Züchtung? Antwort: 5-10 Jahre

Bild: Das Wurzelsterben ist bei Himbeeren das mit Abstand häufigste Problem bei der Pflanzengesundheit. Resistente Sorten erhöhen deshalb die Kultursicherheit enorm.
3. Domestikation und Verbesserung neuer Beerenobstarten
Mit Ausnahme der winterharten Passionsfrüchte arbeiten wir hier nicht an total neuen Beerenobstarten. Aber wir arbeiten an sogenannten "Orphan Fruits": an lange vergessenen und nur wenig züchterisch bearbeiteten Beerenobstarten.
Eines der grössten Hindernisse bei der Garteneinführung solcher interessanter Beerenobstarten ist häufig die Selbstunfruchtbarkeit. In der Natur macht diese Eigenschaft durchaus Sinn, weil sie die Diversität der Nachkommenschaft und damit die Überlebenschancen stärkt. Im Garten aber ist sie unerwünscht. Denn dann müssen immer zwei verschiedene Sorten gepflanzt werden, damit überhaupt mit Früchten zu rechnen ist.
Nun ist diese Selbstunfruchtbarkeit glücklicherweise nicht ganz stabil. Sie ist zwar eine in die Pflanze eingebaute Sperre, den eigenen Pollen anzunehmen, ihn keimen und den Pollenschlauch wachsen zu lassen und schliesslich männliche und weibliche Zellen zhu verschmelzen. Aber mit 1 bis 2% Ausnahmen kann man rechnen – also mit 1 bis 2 Pflanzen pro 100, die mehr oder weniger selbstfruchtbar sind.
Dann müssen diese Tests über bis 4 Jahre wiederholt werden, um Zufallsresultte auszuschliessen. Und selbstverständlich können dann in dieser verhältnismässig kleinen Anzahl von Sortenkandidaten nur die besten berücksichtigt werden, aber neben der Sortenselektion ist es auch wichtig, selbstfruchtbare Nicht-Sorten zu selektionieren, die wir später für das Weiterzüchten benutzen können. Idealerweise kann man später mit einem möglichst breiten Pool an selbstfruchtbaren Pflanzen weiterzüchten und so diese Eigenschaft nachhaltig in der jeweiligen Beerenobstart verankern.
Wir machen dies aktuell bei Ribes aureum, also bei grossfrüchtigen gelben, orangen, roten bis dunkelroten Vierbeeren®, bei den kompakt wachsenden Vaccinium angustifolium, bei Lonicera caerulea, den Honigbeeren, Maibeeren® oder Erstbeeren®, und schliesslich auch mit Hochdruck bei den winterharten Passionsfrüchten.

Bild: Die Selbstfruchtbarkeit bei Ribes aureum, den Vierbeeren, wäre ein Durchbruch für diese Spezies.
Bei den Honigbeeren/Maibeeren®/Erstbeeren® scheint gleichzeitig mit der Selbstfruchtbarkeit auch ein Qualitätsdurchbruch möglich zu sein: sehr aromatische Sorten, keine bitteren Nebentöne mehr, Aromanoten von Heidelbeeren bis Himbeeren, Zuckerwerte von 18 bis über 20° Brix. So kann es gelingen, diese Obstart aus eigenem Recht im Garten zu verankern.

Bild: Bei den Erstbeeren sind diverse Kandidaten mit Selbstfruchtbarkeit in Sicht, die auch in Sachen Beerenqualität eine enorme Verbesserung darstellen...
4. Und was ist mit den Klassikern Rote Johannisbeeren und Heidelbeeren?
Bei beiden Arten haben wir in der Vergangenheit gezüchtet, aber deutlich weniger intensiv als bei Himbeeren und Brombeeren. Um hier möglichst schnell – das heisst in der Züchtung innerhalb von 5 bis 15 Jahren – Geschwindigkeit und Breite zu gewinnen, haben wir für beide Arten einen Partnerschaftsvertrag mit dem James Hutton Institute in Dundee, Schottland, abgeschlossen.
Dieser Vertrag ermöglicht es uns, in den dortigen Pflanzenbeständen zu selektionieren und die gewählten Sorten und Genotypen wiederum für die Weiterzüchtung zu benutzen. Gleichzeitig können wir so auch unseren eigenen Erfahrungsschatz erweitern.
Bei den Heidelbeeren wird es ganz wichtig sein, dass es uns gelingt, neben der Grösse auch das Aroma und die Qualität der Beeren zu verbessern und zu individualisieren. Eine weitere Entwicklungslinie kümmert sich um die langfristige Entwicklung von pH-toleranten Sorten und Sorten-Unterlagen-Kombinationen.
Bei den roten Johannisbeeren geht es darum, grössere Früchte zu züchten und gleichzeitig die Zuckerwerte zu verbessern – und den Mehltaudruck zum Verschwinden zu bringen. Unser Ziel: Süsse Sorten mit mindestens 1 cm Durchmesser. Aber klar, wir sind auch mit der Erreichung eines Ziels mehr als zufrieden...
5. Erdbeeren und Fruchtgemüse
Wir arbeiten seit 30 Jahren an der Verbesserung vegetativ vermehrter Fruchtarten. Das sind Arten, die über Steckhölzer, Stecklinge oder auch Gewebekultur sortenecht vermehrt werden.
Seit knapp 10 Jahren wagen wir uns langsam ins Neuland der generativ vermehrten Arten vor: vor allem Fruchtgemüse.
Beim Fruchtgemüse sind wir gerade daran, nach den ersten Erfolgen bei den Freilandtomaten breite Sortimente auch bei Gurken, Wassermelonen und Melonen zu entwickeln. Dabei geht es immer um Sorten, die problemlos und ohne Krankheitsdruck im Freiland angebaut werden können. In diesem Frühjahr 2026 zum Beispiel haben wir um die 20’000 Gemüsesämlinge ausgepflanzt, die grössten Mengen bei Tomaten und Gurken.

Bild: frisch gepflanzte Anlage in Buchs zur Testung der Freilandtomaten.
Denn im Gegensatz zur Züchtung für den Erwerbsanbau findet unsere Gemüsezüchtung nicht im Gewächshaus statt, sondern dort, wo die Pflanzen auch dem natürlichen Krankheitsdruck von Pilzen und Schädlingen ausgeliefert sind. Genau dort müssen sie zeigen, was sie können.
Ein unerwarteter Ertrag unseres langfristigen Ausflugs zu den generativ vermehrten Pflanzen könnte bei der Erdbeerzüchtung zu finden sein. Hier überlegen wir aktuell, wie wir auf der Basis unserer bestehenden Gartensorten und Ziersorten in die samenvermehrten Erdbeer-Hybridsorten einsteigen wollen.
6. Südliche Sortimente
Wenn wir gefragt werden, was ein übergreifender Trend bei Pflanzen und vor allem bei essbaren Gartenpflanzen sei, erwähnen wir immer auch die südlichen Pflanzen.
Wenn sich das Klima verändert, dann verändern sich auch die Sortimente. Manche Pflanzen passen weniger gut in die neuen Klimaumstände, andere können plötzlich erfolgreich auch im Garten angebaut werden.
Hier züchten wir noch nicht sehr intensiv. Aber bei sehr vielen Arten haben wir grosse und breite Sortenversuche angelegt: Granatäpfel, Feigen – bereits mit ersten Züchtungsversuchen –, winterharte Zitrus, Kaki (auch schon etwas Züchtung), Maulbeeren und andere.
Einige dieser Sorten werden bald in unsere Sortimente bei Lubera Edibles einfliessen, vor allem die ersten Morus-Sorten aus eigener Selektion.

Bild: Interessante Maulbeere mit weissen Früchten aus dem Selektionsfeld in Buchs.
7. Undundund
Ich wollte ja die Schwerpunkte vorstellen. Aber natürlich machen wir noch mehr: aktuell eher exotische Züchtungsversuche, Kartoffeln zum Beispiel, wo wir es mit Resistenzzüchtung wagen, gegen Konzerne anzuzüchten (und nicht zu sagen: anzustinken). Dazu kommen viele kleine Versuche und Projekte, die einzelne Züchter oder auch ich einfach mitmachen.

Bild: Neu erstelltes Kartoffelfeld in Buchs mit 1'000 gesteckten Kartoffelsorten...
Und auch dieser Punkt, diese Ausflüge, sind entscheidend. Sie verbreitern unseren Erfahrungsschatz, und wir testen neue Ansätze, die in der Zukunft vielleicht zu Hauptinitiativen werden können.
Kreative Pflanzen-Züchtung lebt vor allem auch von Liebhaberei, Leidenschaft und thematischen Exkurs. Ja manchmal sind sogar Exzesse erlaubt...